Ausstellung „SINNERGIE“
Kreissparkasse Schwäbisch Hall - Crailsheim, Juli 2023
Roswitha Gronemann zeigt in dieser Gemeinschaftsausstellung - zusammen mit Atelierkollegin Marleen Pennings - ca. 30 neue Werke aus ihrem Wirkungskreis einer farbexplosiven und energiegeladenen Malerei.
Schon lange hat sich die frei schaffende Künstlerin der abstrakten Kunst gewidmet. Im Studium an verschiedenen Akademien (Freie Akademie Augsburg) und privaten Ausbildungsstätten (Freie Akademie für Malerei, Düsseldorf) hat sie ihren Stil immer weiter verfeinert und sich in den verschiedenen Techniken der abstrakten Malerei geübt. Als Schülerin von Jan Holthoff und Jens Kilian hat sie sich in der letzten Zeit besonders der Bewegung „Gestische Malerei“ angeschlossen und arbeitet angelehnt an diesen intuitiv-abstrakten Stil. Was beschreibt den Kern der „Gestischen Malerei“? Es ist hier der Pinselduktus, der aus einer Geste - im wörtlichen Sinne zu verstehen als Akt des Malens - heraus, den Pinsel in Farbe getaucht, intuitiv, direkt und ohne einer bestimmten Absicht zu folgen, auf die Leinwand bringt. Diese Intuition verselbständigt sich vor Farbe und Pigmenten sprühend auf der Leinwand.
Eines ihrer Hauptwerke für den Stil der „Gestischen Malerei“ das Bild „Lichter Himmel“, auch Titelbild dieser Ausstellung. Der Betrachter erlebt eine Sogwirkung hin zur Bildmitte, in dem dort eine klaffende Lücke in ein freundliches Hellrosa mündet. Vom Rosa geht es zum Hellblau, klingt kitschig? Keineswegs. Eben weil sie nicht rational zur Farbe greift aus einem möglichen Hang zur Harmonie und Gefälligem, sondern aus der Intuition arbeitet. Es ist dies ein Entstehungsprozess, der aus der intuitiven Farbwahl große, imposante Gemälde entstehen lässt. Gronemann erfüllt ihre Bilder mit Geist und Leben, mit Emotionen und Gedanken. Tauchen Sie ein in eine Welt voller Farbe und Energie, erfinden Sie sich neu und entdecken Sie pure Lebensfreude, intensive Nähe und Begegnung im Einklang mit der Natur.
Auch sind Bilder aus der Serie „in the air“ im 30x30 cm Format in der Ausstellung zu sehen. Anders als in der reinen „Gestischen Malerei“ sind hier deutlichere Formen erkennbar, wenn gleich auch aus einem inneren Pinselduktus entstanden, unbeabsichtigt, leicht, in schlängelnden, leisen Formen. Allen diesen Formen gemeinsam ist ein Aufstreben durch den Bildraum, mal geschlängelt, mal gekrümmt, mal diagonal, mal durchwoben. Einzeln, in Gruppen oder paarweise verdichten sich die schmalen Formengebilde zu wuchernden Strukturen, die förmlich aus dem Bild wachsen. Gleichzeitig sind sie eingebunden in ruhige Farbflächen, die wie horizontale Bänder eine Tiefenstruktur im Bild erzeugen und das Raumgefüge einer Landschaft erkennen lassen. Weiß man um Roswitha Gronemanns Ausbildung zur zertifizierten Natur- und Landschaftsführerin in der Region Hohenlohe, so erkennt man unweigerlich ihre Naturverbundenheit und Liebe zur Natur. Bei diesem Studium zur Landschaftsführerin hat sie sich in die Gegend „geradezu verliebt“, wie sie selbst im Interview sagt. Die Natur ist das Maß aller Dinge, die Natur lässt uns atmen und gedeihen. Nach der langen und ermüdenden Zeit der Corona Pandemie, ist das Rausgehen in die Natur und den Einklang mit der Natur zu finden, immer ein großes Thema im Schaffen von Roswitha Gronemann.
Noch ein neues Thema der bildnerischen Gestaltung im Werk von Roswitha Gronemann und doch ein bekanntes Thema in der Kunstgeschichte fällt bei der Ausstellung sofort großflächig ins Auge. „LookTwice“ ist der Titel einer neuen Serie, die mit einer zweiten Bildebene ausgestattet ist. Bilder, die im ersten Moment anmutig eine Landschaft in heiteren Farben darstellen, die dann aber plötzlich zugedeckt sind durch eine zweite Initiativfarbe, das heißt eine besonders kräftige Farbe, die im Bild ein Alleinstellungsmerkmal hat und auf besondere Weise als Kontrast fungiert. Die Formen, die die ansonsten harmlose Landschaft überdecken sind meist spitz, dreieckig und dazu noch häufig parallel angeordnet, so dass das Sichtfeld ein Zickzack oder den Buchstaben „Z“ ergibt. Der Betrachter muss sich erst einmal im Bild orientieren, durchbricht seine Sehgewohnheiten, um den Fokus dann auf eine wild wuchernde Farbenpracht zu lenken. Mal sind es Himmelsfarben, dann wieder glaubt man im Dschungel zu sein, eine Unterwasserwelt tut sich auf oder ein blühender Rosengarten in herrlich duftenden Magentatönen. Der Sog der Farben ist stark und nimmt den Betrachter mit auf eine Fahrt durch die Tiefen der Gefühle. Roswitha Gronemann spürt mit dem Pinsel Signalfarben auf und lässt sie frei und energievoll ihr Eigenleben auf der Leinwand leben. Das „Einpacken“ ihrer selbst geschaffenen Bildwerke kam aus einem inneren Impuls, dem Betrachter etwas von ihrer Malerei zu verbergen, etwas Geheimes, etwas Inneres, etwas Unaussprechliches, eine zweite Bildschicht, intim, privat, nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Wir erleben einen Ausschnitt, der geheimnisvoll eine atmosphärische Dichte im Farbdschungel schafft, in der wir - die Betrachtenden dieses Werkes - selbst aktiv werden müssen. Der Vorhang, die Schranke, die Farbflächen: es wird verschleiert, verschlossen, zugedeckt. Die dahinter befindliche Wahrheit bleibt im Verborgenen, kann nur erahnt und in der Vorstellung erweckt werden. Roswitha Gronemann lässt dem Betrachtenden den nötigen Raum, die Farbbarrieren zu durchbrechen und dahinter seine eigene Fantasiewelt und die Welt der eigenen Emotionen zu entdecken.
© Bela Hüttenhein, Kunsthistorikerin M.A. 6/2023